Wettbewerb

Beitrag zum Essay-Wettbewerb von Sascha Settegast

Produktion und Zwang
Weshalb der Anarchokapitalismus eine disfunktionale Utopie ist.

In den vergangenen Jahren hat sich auch in Deutschland eine politische Philosophie mit dem Namen „Libertarismus“ auszubreiten begonnen, die – gestützt vor allem auf die Ökonomen Murray Rothbard und Hans-Hermann Hoppe – die Abschaffung des Staates und die Etablierung einer anarchokapitalistischen Gesellschaft fordert, in welcher der Schutz der Menschen vor Zwang und Gewalt durch private, konkurrierende Sicherheitsanbieter stattfinden soll. Die Verteidiger dieser Theorie betrachten sich als Individualisten, haben aber leider wesentliche Prämissen mit dem Kollektivismus gemein.
In ihrer Verteidigung des Anarchismus teilen sie, wenn auch nur implizit, mit den Verteidigern des Totalitarismus insbesondere eine logisch widersinnige Gleichsetzung von Produktion und Zwang. Eine Gleichsetzung inhaltlich derart unterschiedlicher Begriffe muss naturgemäß dazu führen, dass der Sinngehalt des einen Begriffes betont, während der andere vernachlässigt wird. Hierin ist der Ursprung der künstlichen Dichotomie zwischen Markt und Staat, Anarchie und Totalitarismus zu sehen.
Die Totalitaristen ergreifen das eine Ende der Dichotomie, indem sie behaupten, Produktion sei das gleiche wie Zwang: Ein Unternehmer, der einen Arbeiter einstelle, beute diesen aus wie einen Sklaven; beim Tausch gewinne immer einer auf Kosten des anderen; Eigentum sei Diebstahl. Für die Totalitaristen ist jeder Akt von Markt und Wettbewerb ein Akt der Gewalt und des Zwangs, deshalb sind sie bestrebt ihn über das Instrument des Staates mittels Monopolisierung aller Produktion in Staatshand auszuschalten.
Die Libertären hingegen ergreifen das anderen Ende der Dichotomie; für sie ist Zwang das gleiche wie Produktion. Und da bei der Produktion von Gütern und Dienstleistungen auf dem freien Markt die Effizienz und Vorteilhaftigkeit von Wettbewerb und freiem Marktzugang durch Erfahrung wie Theorie erwiesen ist, ist man nun der Ansicht, dass Wettbewerb und freier Marktzugang auch im bisher staatlich monopolisierten Bereich des Schutzes der Menschen vor Zwang und Gewalt zu einer Verbesserung von Effizienz und Sicherheit beitragen müsse. Die libertären Anarchisten sind deshalb bestrebt das staatliche Gewaltmonopol durch den Wettbewerb privater Unternehmer auf dem Markt zu ersetzen.
Im Grunde genommen handelt es sich bei der künstlichen Dichotomisierung von Markt und Staat, Anarchie und Totalitarismus nur um eine weitere Variante der künstlichen Dichotomie zwischen Körper und Verstand, wie sie die Philosophie seit Platon heimsucht und wo sie einiges an Schaden angerichtet hat. Die Totalitaristen ergreifen bei ihrer Gleichsetzung von Zwang und Produktion hierbei die Seite des Körpers, indem sie die Natur der im wesentlichen durch den kreativen Verstand bedingten Produktion verkennen. Die libertären Anarchisten hingegen ergreifen die Seite des Verstandes, indem sie die Natur von Gewalt und Zwang verkennen – sowie den grundsätzlichen Unterschied zwischen ökonomischem und politischem Wettbewerb.
Der Totalitarismus ist zwischenzeitlich sowohl durch die ökonomische Theorie als auch die historische Realität genügend widerlegt; er braucht uns hier nicht weiter zu beschäftigen. Bleibt also die anarchokapitalistische Sozialordnung der Libertären, deren Disfunktionalität sich bei einer näheren Betrachtung ihrer Theorien schnell herausstellt. Selbst wenn man das Problem der Übergangsschwierigkeiten von einer monopolistischen zu einer polypolistischen Bereitstellung von Sicherheit ausser Acht ließe und die Verwirklichung der von den Libertären geforderten staatenlosen Gesellschaft einschließlich des Vorhandenseins einer ausreichenden Anzahl an privaten Sicherheitsdienstleistern annähme, so kann nicht von einer Stabilität dieser Ordnung ausgegangen werden.
Was würde beispielsweise geschehen, wenn einer dieser Sicherheitsdienstleister sich plötzlich entschlösse, seine Kunden mittels Gewaltandrohung und -anwendung zur Zahlung eines Schutzgeldes bzw. einer Steuer zu zwingen? Viele Libertäre würden spontan antworten, ein Sicherheitsdienstleister, der dies versuche, werde seine Kunden schnell an konkurrierende Anbieter verlieren. Doch dem ist nicht notwendigerweise so: Der Sicherheitsdienstleister würde versuchen den Kunden durch Androhung und Anwendung von Gewalt von einem Anbieterwechsel abzuhalten. Ob der Anbieterwechsel gelingt, hängt also in wesentlichem Maße davon ab, ob der Konkurrenzanbieter bereit ist, das enorme Risiko einer bewaffneten Auseinandersetzung mit dem Sicherheitsdienstleister einzugehen, das naturgemäß entstehen muss, wenn er seine vertraglichen Schutzverpflichtungen gegenüber dem neuen Kunden erfüllen will. Der Konkurrenzanbieter muss sich also darauf verlassen, dass die von einer solchen Auseinandersetzung zu erwartenden Kosten für Eigemtum und Leben dem bisherigen Sicherheitsanbieter zu gewaltig erscheinen, so dass er von einer weiteren Erpressung des Kundens ablässt. Ist dies nicht der Fall, so resultiert der versuchte Anbieterwechsel in einem kleinen Bürgerkrieg, der das Potential zu einer Ausweitung auf zunächst Unbeteiligte birgt – mit verheerenden Folgen für alle dann involvierten Parteien.
Aber so weit muss es gar nicht kommen. Ebenso ist es möglich, dass der Anbieterwechsel misslingt, da sich kein Konkurrenzanbieter findet, der bereit wäre, dieses Risiko einzugehen. Am wahrscheinlichsten erscheint es mir jedoch, dass der Kunde gar nicht erst versuchen wird, den Anbieter zu wechseln, denn dies wäre auch für ihn mit einem unmittelbaren Risiko für Eigentum und Leben verbunden. Konfrontiert mit dem mafiösen Erpressungsversuch seines Sicherheitsdienstleisters wird der Kunde, vorausgesetzt er ist nicht lebensmüde oder tollkühn, folgende Kosten/Nutzen-Abwägung treffen: „Welche dieser beiden Handlungsoptionen ist für die Verwirklichung meines Zieles, ein angenehmes und glückliches Leben zu führen, eher akzeptabel? Die regelmäßige Zahlung eines relativ moderaten Schutzgeldbetrages an meinen Sicherheitsdienstleister – oder das Risiko bei einem Widerstandsversuch nicht nur mein Eigentum, sondern auch meine Familie und Freunde, vielleicht sogar mein eigenes Leben zu verlieren?“ So betrachtet erscheint es mir sehr wahrscheinlich, dass der Kunde die Zahlung eines moderaten Schutzgeldbetrages bzw. einer Steuer dem Widerstand vorziehen würde – womit der Weg zu einer neuerlichen Etablierung und Institutionalisierung eines sich schleichend vertotalisierenden Raubstaates geebnet wäre.
Hierin zeigt sich auch eine interessante wechselseitige Verbundenheit von Anarchie und Totalitarismus: Aufgrund seiner eigenen inneren, nicht zuletzt auch ökonomischen Logik muss der totalitäre Staat schlussendlich in blutigem Chaos auseinanderbrechen. Er geht über in eine Phase der Anarchie, welche wiederum aufgrund der ihr eigenen Logik in der neuerlichen Etablierung eines zunehmend totalitärer werdenden Regimes mündet. Anarchie und Totalitarismus sind disfunktionale, da instabile Sozialordnungen. Beide Systeme sind nichts weiter als zwei Seiten der gleichen kollektivistischen Medaille; das sie verbindende Prinzip ist die Befürwortung einer Herrschaft der Menschen, die – da ungebunden und daher willkürlich – immer die Form einer parasitären Herrschaft der Stärkeren über die Schwächeren annimmt.
Libertäre machen einen entscheidenden logischen Fehler, wenn sie behaupten, der freie Markt könne das Problem des Zwangs durch eine marktinterne „Sicherheitsproduktion“ von selbst lösen. Wie oben bereits gesagt wurde, ist Produktion im wesentlichen ein durch den kreativen Einsatz des Verstandes bedingter Prozess. Ein Verstand kann allerdings nur kreativ sein, wenn der Mensch frei und unabhängig ist, und entsprechend nach seinem eigenen Urteil handeln kann. Unter Zwang und Gewaltandrohung ist ein derartiges, unabhängiges Handeln nicht mehr möglich – wo kein unabhängiges Handeln mehr möglich ist, ist es auch müßig, weiter darüber nachzudenken. Zwang annihiliert den kreativen Verstand, macht mitunter also auch jede Form von kreativ-produktiver Tätigkeit unmöglich. Deshalb kann das Problem des Zwangs nicht marktintern gelöst werden, sondern bedarf einer marktexternen Lösung durch einen staatlichen Gewaltmonopolisten. Bevor produziert werden kann, müssen zunächst Zwang und Gewalt vom Markt verbannt werden. Der freie Markt ist nur frei, weil ihn jemand von Zwang und Gewalt frei hält. Er kann diese Aufgabe nicht selbst erfüllen; er kann nicht seine eigene Voraussetzung hervorbringen.
Bei Anarchie und Totalitarismus handelt es sich um ein Paar von falschen Alternativen: So wie ein Staat nicht ohne den freien Markt existieren kann, da er sonst schlussendlich in blutigem Chaos auseinanderbricht, so kann auch der Markt nicht ohne einen klug eingegrenzten Minimalstaat existieren, der ihn frei von Zwang und Gewalt hält. So wie auch der Mensch ein integriertes Wesen von Körper und Verstand ist, so muss auch eine funktionierende, stabile Sozialordnung eine integrierte Ordnung von Markt und Staat sein, in der sich Markt und Staat in ihrer jeweiligen Aufgabenerfüllung gegenseitig ergänzen. Hierbei ist jedoch ein bestimmter Typus von Staat vonnöten, dessen institutionelle Konstitution die Machthaber daran hindert, ihre Macht in den Bereich des Marktes hinein auszudehnen und so das Ungleichgewicht, das zur schleichenden Desintegration der Ordnung führt, wiederherzustellen. Ein solcher Staat müsste, um dieses komplexe Thema nur kurz anzuschneiden, insbesondere seiner Befugnisse zur Regulierung von Wirtschaft und Gesellschaft, sowie seiner Besteuerungshoheit beraubt sein. Er muss strikten Rechtskodizes unterworfen werden, der seinen Funktionären jede Art willkürlichen Handelns unmöglich macht. Er muss einer reinen Herrschaft des Rechts unterliegen.
Freilich ist die gegenwärtige Gesellschaft sehr weit von diesem Ideal enfernt. Umso wichtiger ist es, dass alle Freunde der Freiheit begreifen, dass die Frage, deren Beantwortung über Leben oder Untergang der menschlichen Gesellschaften entscheidet, nicht „Anarchie oder Totalitarismus?“ lautet, sondern: Herrschaft der Menschen – oder Herrschaft des Rechts?
—–
Sascha Settegast, Jg. 1986, studiert Philosophie, Psychologie und Germanistik im ersten Semester an der Universität Trier.
Internet: http://www.sascha-settegast.de/

Literatur und Quellen:
Hardy Bouillon: „Freiheit, Liberalismus und Wohlfahrtsstaat“, Kapitel 3
Leonard Peikoff: „Objectivism: The Philosophy of Ayn Rand“, Kapitel 10, insb. S. 371 ff.
Ayn Rand: „The Virtue of Selfishness“, insb. Kapitel 12 bis 15
Chris M. Sciabarra: „Ayn Rand: The Russian Radical“, S. 278 ff.

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