Die Präsidentschaftswahl aussitzen?

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Februar 11, 2008 von wolfgang

Der Psychologe Michael Hurd wird von einem Leser gefragt, wie er sich bei den Präsidentschaftswahlen verhalten wird. Hurd antwortet, dass er entweder widerwillig für McCain stimmen wird oder die Wahl aussitzen wird. Auf keinen Fall käme für ihn allerdings die Wahl von expliziten Sozialisten-Etatisten wie Obama oder Senatorin Clinton in Frage. McCain bezeichnet er als psychologisch und persönlich „instabile“ Persönlichkeit. Hurd hält ihn für krank, wobei die Frage ist, wie krank. Was seine Politik angehe, habe er den Eindruck, dass McCain Kriege einfach mag: „

Er glorifiziert Märtyrertum und Aufopferung, und ich denke, er meint es wirklich so.

Der Beitrag von Michael Hurd wirkt wie ein wenig überzeugendes Plädoyer für McCain, wozu er eigentlich nur kommen kann, weil er Obama und Frau Clinton in ein besoders gruseliges Licht taucht, um McCain dann irgendwie noch als „kleineres Übel“ durchgehen zu lassen. Aber mag die Wahl für Präsident Bush vor vier Jahren noch in gewisserweise gerechtfertigt gewesen sein, so sollte im Falle McCain nicht die deutlich negativere und hartnäckerige ideologische Festlegung des John McCain nicht vergessen werden. Auf seiner Website steht in deutlichen Lettern: „A Cause Greater Than Your Self-Interest…“ Gibt es derartig explizite Aussagen zugunsten des persönlichen Opfers für eine „größere Sache“ bei Obama oder Frau Clinton? In einem Beitrag auf seinem Blog hält Robert Bidinotto McCain im Vergleich zu Präsident Bush für den erheblich schlimmeren Politiker:

„Weder Bush noch McCain folgen irgendeiner systematischen Ideologie; somit kann man beide als Pragmatiker bezeichnen. Aber anders als Bush hat McCain einige besonders giftige Ideen aus der progressiven Ideologie aufgegriffen, und er hält an ihnen fest wie ein Bullterrrier. Deswegen wäre McCain ein viel schlimmerer und weit gefährlicherer Präsident als der weitgehend steuerlose George W. Bush.“

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24 Kommentare zu “Die Präsidentschaftswahl aussitzen?

  1. Barbarossa sagt:

    McCain spielt die Karte vom größeren Allgemeinwohl, um eine interventionistische Außenpolitik zu rechtfertigen, außerdem klingt ein Soldat, der sich ausschließlich auf Eigennutz beruft als unglaubwürdig. Kameradschaft und Gemeinschaft sind in Armeekreisen nun mal gern gesehen, daher würde ich in diesem Bezug nicht zu streng sein.
    Zumal die Demokraten ja keine Individualisten sind – im Gegenteil, deren Begriff vom Allgemeinwohl stammt aus der sozialistischen Mottenkiste und zwar sowohl bei Clinton als auch bei Obama. Alleine die Vorstellungen zur Reform des Gesundheitswesens sind nichts anderes als die Kopie des europäischen Sozialismus.
    Ich kann eher mit einem wirtschaftsliberalen Präsident leben, der Aufopferung im militärischen Bereich fordert, als mit einer sozialistischen Wirtschaftspolitik der Demokraten, die gleichzeitig außenpolitisch nicht wissen wo sie stehen.

    Allerdings sehe ich die Positionen McCains im Umweltbreich mit großer Besorgnis, allerdings traue ich den Demokraten dabei genausoviel Schlechtes zu.

  2. Wolfgang sagt:

    Es ist richtig, dass McCain gerade im Umweltbereich den Demokraten sehr nacheifert. Ich würde allerdings nicht vermuten, dass McCain lediglich im militärischen Bereich an Aufopferung denkt, sondern halte dies für eine zentrale Kategorie seines Denkens. Man erinnere sich, wie er „Patriotismus“ gegen „Profit“ auszuspielen versuchte. McCain ist zum Beispiel auch ein großer Anhänger eines „national service“ (ob als Zwangsdienst oder nicht, ist mir allerdings nicht bekannt). Wenn man McCains Opferrhetorik auf Deutschland überträgt, kann ich mir eigentlich keinen Politiker einer etablierten Partei vorstellen, der die Aufopferung so glorizieren würde. Dergleichen würde ich nur bei der NPD vermuten, ohne dass ich McCain jetzt in diese Schublade stecken möchte.

  3. Wolfgang sagt:

    Zum Wirtschaftsprogramm McCains hier ein Zitat:
    John McCain gab neulich freimütig zu: „Wirtschaft ist ein Thema, das ich nicht so gut verstanden habe, wie ich sollte“, und beschränkt sich in seinem Wirtschaftsprogramm auf Steuersenkungen für die Mittelklasse und Tiraden gegen „unnötige“ Subventionen. (Quelle: http://www.networld.at/index.html?/articles/0805/17/196183.shtml)

  4. Wolfgang sagt:

    Und noch ein Zitat („Steuersenkungen“ für die Mittelschicht hört sich noch ganz gut an, aber ich vermute, dass McCain hier nur Steuersenkungen für die ganz Armen meint (die er „Mittelschicht“ nennt), also Leute, die ohnehin kaum Steuern zahlen :
    Er war einer von nur zwei Republikanern im Senat, die gegen Bushs Steuersenkung votierten (350 Milliarden Dollar über elf Jahre): »Mit gutem Gewissen kann ich kein Gesetz unterstützen, das den Bestgestellten unter uns so viele Geschenke auf Kosten der Mittelschicht macht, die Entlastung am meisten braucht.«
    http://www.zeit.de/2008/07/Portraet-John-McCain?page=all

  5. Ich persönlich würde Hillary Clinton wählen, da sie die säkularste Kandidatin ist, und weniger Geld ausgeben will, als Obama. Ein Republikaner kommt für mich grundsätzlich nicht in Frage, ganz gewiss keiner vom religiösen Flügel, aber auch keiner der gemäßigteren Pragmatiker, da diese im Falle einer Präsidentschaft dem religiösen Flügel ihrer Partei und dessen politischen Absichten nichts Wesentliches entgegenzusetzen hätten. Sollte aber Obama die Nominierung bekommen, würde ich dafür plädieren, gar nicht zu wählen, da Obama ebenfalls zu religiös ist, und man mit ihm nur das weitere Gedeihen einer religiösen Linken in der Demokratischen Partei fürchten müsste — was für die USA fatal wäre. Denn dann gäbe es KEINE säkulare Alernative mehr, die man aufproppen könnte, um das kulturelle Vakuum solange vor den Füllabsichten der Religionisten zu verteidigen, bis man es selbst gefüllt hat.

  6. Bei einer Entscheidung zwischen McCain und Obama wäre auch für mich eine Wahlenthaltung die einzige mögliche rationale Entscheidung. Bei Frau Clinton gegen McCain würde ich auch für die Senatorin stimmen.

  7. DDH sagt:

    @Sascha: Hitlery Hillary ist säkular + militaristisch. Wenn das ausreicht, um sie zu wählen, hättest Du auch Saddam Hussein wählen können!

  8. Barbarossa sagt:

    Da muß ich Dominik allerdings recht geben, wobei Gregor Gysi vielleicht passender wäre. Das Übel Religion wird ein säkularer Präsident nicht beseitigen und auch nur in Maßen eindämmen können – die sozialistischen Experimente schaden jedoch unmittelbar. Religion hin oder her, Clinton wäre für mich die schlimmste aller Optionen.

  9. Eine demokratische, säkulare Präsidentin wird jedenfalls zumindest zeitweise eine wirkungsvolle Barrikade gegen das Eindringen der Religion in den politischen Bereich darstellen. Sie wäre sicher kein Allheilmittel, aber sie würde uns Zeit verschaffen, sehr kostbare Zeit. Je mehr die Fundamentalisten triumphieren, desto schwerer wird es für uns, eine vernünftige Weltsicht als kulturell dominant zu etablieren, da die Fundamentalisten ihr eigenes, sehr wirkungsvolles Sinnstiftungsrepertoire haben. Eine säkulare Demokratin hat das nicht; sie repräsentiert nichts als ein Vakuum in dieser Hinsicht, und stellt daher langfristig die geringere Gefahr da. Das bischen Sozialismus und wirtschaftlicher Niedergang ist nichts im Vergleich zu der Aussicht eines christlichen Faschismus, der alle Lebensbereiche durchdringt. Und selbst das Wirtschaftsargument zieht für sich genommen nur bedingt, da die religiösen Republikaner sehr gut demonstriert haben, dass sie an der Macht ebenso, wenn nicht in noch größerem Maße Geld ausgeben können wie die Demokraten.

    Wenn man mit zwei Gegnern konfrontiert ist, von denen der eine schwach und der andere stark ist, dann ist es eine pure Dummheit, sich mit dem starken gegen den schwachen zu verbünden, denn dann hat man am Ende den Supershowdown, und der wird happig. Da sollte man lieber den schwachen gegen den starken unterstützen, um zu verhindern, dass der starke die Macht übernimmt, während man selbst fleissig dabei ist, die kulturelle Dominanz zu erringen.

  10. Wolfgang sagt:

    Ich habe auf diesem Blog keinen Wahlkampf für Hillary Clinton gemacht, sondern kann lediglich nachvollziehen, dass sie die bessere -oder sagen wir, weniger schlechte- Wahl im Vergleich zu McCain wäre. Das konkrete politische Programm von Clinton und Obama unterscheiden sich doch nur in Details, deswegen ist es schon etwas seltsam, wenn Dominik eifrig für Obama auf seinem Blog wirbt, auf der anderen Seite Hillary Clinton heftig ablehnt. Obama gießt lediglich religiöse Sauce über sein politisches Programm, was Clinton vermeidet, und dies bringt ihr den entscheidenen Vorteil. Der Vorwurf des „Militarismus“ sagt mir relativ wenig, allerdings könnte man durchaus vermuten, dass Hillary Clinton oder Obama als Präsident sehr viel schneller irgendeine miltitärische Aktion starten würde als McCain, der ohnehin als Falke gilt, und hier nichts beweisen muss. Auch Obama hat ja in Bezug auf den Iran die militärische Option keineswegs ausgschlossen. Auch schon „militaristisch“?

  11. Constantin sagt:

    Bei Hillary Clinton sehe ich aber deutliche wirtschafts- und sozialpolitische Defizite – insbesondere in ihren konkreten Protektionismus- und Pflichtkrankenversicherungskonzepten. Und diese Defizite bewerte ich schwerwiegender als das nebulöse Altruismus-Geschwafel von McCain.

  12. Wolfgang sagt:

    Constantin, ich sehe es direkt umgekehrt: Ein Kandidat, der das altruistische Prinzip sehr betont, in seinen konkreten Politikdetails aber unbestimmt bleibt, ist gefährlicher als ein Kandidat, der das altruistische Prinzip weniger stark betont und sehr konkrete Vorschläge macht, die in die falsche Richtung zielen. Ehtik ist fundamentaler als Politik.

  13. lydia4krasnic sagt:

    Obama ist das geringste von den drei Übeln!

  14. Da hat Wolfgang vollkommen recht. Das Programm ist unwichtig im Vergleich zu den weltanschaulichen Prämissen, die den Rahmen für alle möglichen programmatischen Entscheidungen bilden.

    Wirtschaft ist zwar wichtig, aber ich finde es dennoch absolut lächerlich, dass insbesondere die „Libertären“ so auf economic issues rumreiten und alles andere völlig vergessen. Als wäre die Wirtschaft das zentrale Schlachtfeld! Unsinn! Die Wirtschaft ist nur ein Nebenschauplatz, ein großer und wichtiger zweifelsohne, aber dennoch ein Nebenschauplatz. Der echte Krieg findet um die Köpfe statt, und deshalb ist die Ideologie eines Kandidaten um einiges gravierender zu bewerten, als seine Wirtschaftsprogrammatik.

    Zumal man nicht vergessen sollte, dass der nächste Präsident einige neue Oberste Richter nominieren wird. Wenn da ein Republikaner à la McCain dran kommt, dann wird Amerika für sehr lange Zeit in Verfassungsfragen unter die Fuchtel der religiösen Rechten kommen, nicht nur, was das Abtreibungsrecht angeht. Das muss unbedingt verhindert werden.

  15. Barbarossa sagt:

    Nun das Argument mit mit den Verfassungsrichtern kann ich nachvollziehen.
    Was die Rolle der Wirtschaftspolitik angeht bin ich jedoch anderer Meinung. In Europa wird in den letzten Jahren sehr deutlich, daß sich eine Art „Sozialismus-Light“ durchaus zur Ideologie entwickelt, die sich zwar vom Sozialismus der DDR abgrenzt, das demokratische und marktwirtschaftliche Staatsmodell jedoch ablehnt. Dabei spielt der Faktor Religion überhaupt keine Rolle, wenn man einmal von ein paar verwirrten CDU-Politikern absieht, denen die Religion gegen die Stammzellenforschung hilfreich erscheint, jedoch kaum im Weg steht, wenn sie ihre Frau betrügen.

    Sicher ist Religion in den USA ein wichtigeres Thema als in Europa, aber ich würde sie trotzdem nicht überbewerten. Religiösität wird außerdem nicht von der Politik erzeugt, sie greift höchstens auf vorhandene Strömungen zurück.
    Ich würde daher nicht von einem nicht vorhandenen ideologischen Fundament Clintons sprechen, nur weil es nicht religiös ist, muß es nicht minder stark sein, zumal es sich bei der Alternative McCain ohnehin nicht um einen religiösen Hardliner handelt, wie bei Huckabee.
    Die Wirtschaftspolitik des Landes bestimmt indirekt auch die dominierende Ideologie, denn in Zeiten schwächerer Wirtschaft wenden sich die Menschen bevorzugt dem Glauben zu, sei es an eine Ideologie oder die Religion, es folgt aber sicher keine Hinwendung zum Rationalismus. Daher könnte sich auch unter diesem Gesichtspunkt eine Clinton-Präsidentschaft als Bumerang erweisen.

    Allerdings könnte die Debatte bald ohnehin erledigt sein, da es momentan wohl eher auf Obama gegen McCain rausläuft…

  16. Es mag Rückwirkungen von der Wirtschaft auf die Kultur geben, sicher, aber es wäre völlig absurd, der Wirtschaft den Primat gegenüber der Kultur einzuräumen. Eine solche marxistische Sichtweise der Kultur als Überbau der Produktionsbedingungen ist völlig passé und verkehrt die tatsächlichen Zustände. Die Politik ist kein selbstgenügsames, autarkes System, dass ideologisch nicht durch andere, nicht politische Strömungen beeinflusst würde, im Gegenteil. Politik reagiert auf das, was in der Gesellschaft vor sich geht, und vollzieht gesellschaftlich-kulturelle Entwicklungen politisch-rechtlich nach. Kultur, wie auch deren Sonderform „Religiosität“ wird selbstverständlich nicht primär durch die Politik erzeugt, auch wenn die Politik einen Einfluss darauf haben kann, z.B. mittels faith based initiatives. Aber sie ist nicht der Primärerzeuger, sondern kann allenfalls als ein Verstärker für solche kulturellen Bewegungen fungieren, die es schaffen, den Staat zu übernehmen. Und wenn der Staat so radikal übernommen wird, dass alle anderen Gruppen keinen Zugang mehr zur Macht haben, dann kann es durchaus passieren, dass eine bestimmte kulturelle Gruppe sich mittels Gewalt gesellschaftlich durchsetzt, so wie Nazis und Kommunisten getan haben. Es bleibt aber zu betonen: Kultur wird nicht primär durch die Politik erzeugt; aber die Politik wird gänzlich durch die Kultur bestimmt.

    Die kulturelle Situation in Deutschland ist mit der in den USA nur bedingt zu vergleichen; in Deutschland haben wir das Problem einer unbewältigten Diktatur. Und nur, weil in Deutschland die Religion derzeit nur eine bedingte Rolle zu spielen scheint, heißt das eben deshalb auch nicht, dass wir ihre Rolle für die USA zu verharmlosen haben. Die Religion ist derzeit die führende kulturelle Kraft in den USA, und sie greift aggressiv nach der Macht über die gesamte Gesellschaft.

    Was Clinton angeht, so ist das ideologische Fundament von Demokraten wie Clinton in der Tat sehr schwach. Sozialisten wie Clinton sind heute keine aggressiven, sich auf Wissenschaftlichkeit berufenden Akteure mehr, wie sie es vllt. in den 30ern oder 50ern waren. Sie sind vielmehr _pragmatische_, machtorientierte Akteure, die keine festen Prinzipien haben, sondern vor allem auf der Basis der herrschenden Moralvorstellungen, d.h. des Altruismus, Politik machen und gewählt werden. Sie haben keine eigenständige Zugkraft, da sie keine neue Vision und keine positiven Werte bieten können; sie werben nur damit, Negativa zu bekämpfen. Und die moralische Lufthoheit werden sie auf kurz oder lang an die Religiösen verlieren, da diese in diesem Bereich konsequenter sind als sie. Deswegen macht mir auch Obama Sorgen, weil die Religion bei ihm eine größere Rolle spielt. Ich wiederhole: Clinton steht ideologisch auf wankender Grundlage. Das macht sie zu einer guten Verbündeten, weil sie zwar auf Zeit die Religiösen aus dem Weißen Haus fern hält, gleichzeitig aber das bestehende kulturelle Vakuum, dessen Repräsentantin sie ist, nicht selbst füllen kann und wird. Wir gewinnen dadurch Zeit, unseren Ideen zum Sieg zu verhelfen, während die Religiösen gehindert sind, ihre Ideen mithilfe des Staates durchzusetzen. Eine Clintonpräsidentschaft wird sicher nicht automatisch eine Hinwendung zur Rationalität bringen, aber das hat auch nicht behauptet. Sie gibt uns lediglich Zeit, eine solche Hinwendung herbeizuführen.

    McCain ist als Moderater in seiner Partei trotzdem eine Katastrophe, weil mit einem moderaten Republikanerpräsidenten der religiöse Flügel der Partei dennoch immer mit an der Macht ist, und auch ein McCain kaum Maßnahmen gegen seine eigene Partei ergreifen wird, wenn Teile derselben versuchen werden, die Religion stärker auf die politische Agenda zu setzen.

    Wie dem auch sei: Der Punkt ist — Kultur ist weitaus fundamentaler als Wirtschaftspolitik. Und ich habe, nach der Bushregierung, meine mehr als großen Zweifel daran, dass die Republikaner gute Wirtschaftspolitik machen können. Insofern sind beide Parteien da wohl im selben Boot.

  17. Achja, btw.: Auf eine Wirtschaftskrise reagiert man nicht automatisch mit einer Hinwendung zur Religion. Ein solcher Determinismus existiert nicht. Wie man auf ein Faktum, mit dem man konfrontiert wird, reagiert, hängt nicht allein von diesem Faktum ab, sondern von einer ganzen Reihe anderer Faktoren, z.B. dem Kontext, den das Faktum selbst hat; den Überzeugungen, die man vorher bereits angesammelt hat, und die als Kontext für die Beurteilung des Faktums dienen; und zuletzt nicht auch der freie Wille der betreffenden Person, d.h. ihre Bereitschaft zu denken oder nicht zu denken, d.h. vorgefertigte Rationalisierungen zu akzeptieren.

  18. Barbarossa sagt:

    Die Hinwendung zur Religion als Resultat einer Wirtschaftskrise ist nicht deterministisch bedingt, sondern wird die faktische Konsquenz sein, wenn es nicht gelingt, die Republikaner bis dato auf eine säkulare Haltung zu reformieren. Das wird unter einer Clinton-Administration aber kaum geschehen, weil deren Säkularismus den religiösen Kräften in der republikanischen Partei Nahrung liefern wird, während liberale Republikaner wie McCain im Falle einer Niederlage auf dem Rückzug wären.
    Die Konservativen werden versuchen mit ihren Wertvorstellungen das Profil zu schärfen und angesichts der desaströsen Wirtschaftspolitik der Regierung Bush hat der liberale Flügel dann kein Thema, mit dem sich ein innerparteilicher Gegenpol bilden ließe.
    Wirtschaftspolitik ist sicher in philosophischer Hinsicht zweitrangig gegenüber Kultur, aber in taktischer Hinsicht des politischen Alltags nimmt sie eine ungleich bedeutendere Rolle ein.

    Wenn nun die Republikaner nach einer Niederlage McCains sich weiter hinter den Evangelikalen versammeln und Clinton ihre sozialistischen Phantasien tatsächlich realisiert und damit den Wirtschaftsstandort USA schwächt, dann droht u.U. ein noch größeres Übel bei der nächsten Wahl. Es existiert kein Determinismus hinsichtlich der Hinwendung zur Religion in Zeiten wirtschaftlicher Krisen – wohl aber zum Regierungswechsel und die USA haben nun mal ein Zwei-Parteien-System. Wenn sich also keine dritte Alternative eröffnet, dann werden die Evangelikalen über Kurz oder Lang ohnehin an die Macht kommen.

  19. Sicher, auf lange Sicht werden die Fundamentalisten an die Macht kommen, egal wie die Wahl ausgeht. Das einzige, was Clinton uns geben kann, ist Zeit. Ich habe nie behauptet, dass sie mehr könnte.

    Im Übrigen scheint es mir durchaus nicht einleuchtend zu sein, einer im Kern fundamentalistischen Partei die Macht zu geben, mit dem Argument, wenn man einen säkularen Gegenkandidaten an die Macht bringt, dann wird die Partei nur noch fundamentalistischer werden. Das mag vielleicht sein. Aber fundamentalistisch ist sie oder so; da wird auch eine vermeintliche (defakto aber nicht stattfindende) Stärkung des moderaten Flügels der Republikaner (denn einen säkularen haben sie nicht wirklich, meine ich) nichts dran ändern, da in the long run bei einem Flügelkampf immer diejenigen gewinnen, die die gemeinsam geteilten Prämissen am konsequentesten durchziehen. Und da es in der Republikanischen Partei m.W. keine signifikanten überzeugten und prinzipienbasierten Säkularisten gibt, sondern allenfalls Fundamentalisten und etwas moderatere, pragmatische Religiöse, scheint es mir ein vain endeavour zu sein, den moderaten Flügel stärken zu wollen. Und wenn das Ergebnis bei den Reps so oder so zum Fundamentalismus kippt, dann wäre Clinton zum Zeitgewinnen optimal.

  20. Barbarossa sagt:

    Entscheidend ist nicht, ob ein Kandidat privat religiös ist oder nicht, sondern ob er Staat und Kirche trennen will oder nicht. Da gibt es bei den Republikanern doch einige Möglichkeiten. Würde man sich nämlich auf auf den Posten zurückziehen, daß generell ein säkularer Kandidat einem gläubigen vorzuziehen ist, ungeachtet dessen, was er sonst für Positionen vertritt, dann wäre eine andauerende Herrschaft der Demokraten mit Sozialismus nach europäischem Vorbild garantiert, Fundament hin oder her. Selbst wenn es nämlich langfristig gelingen sollte, den Einfluß der Religiösen zurückzudrängen, so läuft man dennoch Gefahr, in der Zwischenzeit ausreichend viele Nutznießer eines Sozialstaats geschaffen zu haben, damit dieser eine Eigendynamik entwickelt, welche zu selben Misere wie in Europa führt.
    Außerdem wage ich stark zu bezweifeln, daß acht Jahre Clinton (schlimmstenfalls) reichen würden, um aus Amerika den Vorreiter des Rationalismus zu machen.

  21. Wolfgang sagt:

    Barbarossa, sicher geht es nicht um die private Religion irgendeines Kandidaten: alle Kandidaten sind auch mehr oder weniger religiös. Auch Guiliani ist kein Atheist, kein Kandidat kann dies in Amerika sein. Entscheidend ist schon, ob er die Garantie dafür abgeben kann, die Trennwand zwischen Staat und Religion aufrecht zu erhalten. Ich vermute, dass Sascha davon ausgeht, dass generell kein Kandidat der Republikanischen Partei für eine Trennung von Staat und Religion stehen kann, selbst ein Moderater nicht. Ich sehe dies etwas anders, aber generell macht mir auch die religiöse Tendenz bei den Republikanern Sorge. Und man kann wohl davon ausgehen, dass die Religiösen stärker an ihre Sache glauben als ihre Widersacher bei dem Demokraten an den Sozialismus. Jedenfalls wäre diese These diskutabel.

  22. Ich bin, wie gesagt, der Meinung, dass man, selbst wenn man einen moderaten Republikaner wählt, der für sich genommen die Trennung nicht antasten würde, man gleichzeitig immer den religiösen Flügel mitwählt — und der diese Trennung mit aller Gewalt und Macht auch unter einem moderaten Präsidenten einzureissen versuchen wird. Wer die Republikaner wählt, der wählt den christlichen Faschismus.

  23. Barbarossa sagt:

    Genau hier liegt mein Problem. Es geht hier genau genommen nämlich nicht um Clinton oder McCain, sondern um die grundlegendere Frage, ob die republikanische Partei generell gewählt werden kann oder nicht.

    Zwar sind christliche Fundamentalisten in ländlichen Regionen stark, jedoch kann ich mir kaum vorstellen, daß sie sich in den entwickelten Gegenden dauerhaft etablieren können. Abgesehen davon, ist es aus europäischer Sicht weniger problematisch, wenn sich die USA leicht in Richtung Religion orientieren, als eine dauerhafte Schädigung der Weltwirtschaft. In erzkonservativen Kreisen ist es leicht, sich für religiöse Politik zu werben, wohingegen säkulare Wähler sich dies weniger gefallen lassen werden. Den Verlockungen der sozialen Hängematte erliegen die Menschen jedoch unabhängig von ihrer Haltung zu Gott.

  24. „Die Verlockungen der Hängematte“ haben leider ihre Ursachen in bestimmten Ideen, die Menschen akzeptieren, v.a. moralische Ideen. Und rein von der ideologischen Komponente her, ist eine religiös motivierte Weltanschauung um einiges gefährlicher, da konsequenter und kraftvoller als der intellektuell bankrotte Sozialismus. Die Leute heute in den USA sind v.a. links by default, weil es keinen starken Gegenentwurf gibt. Die Religion bietet diesen Gegenentwurf nun, und er ist von seiner gesamten Konzeption her um einiges stärker als der anti-intellektuelle, skeptische, zynische, linke Wohlfahrtsetatismus. Ich kann mich nur noch einmal wiederholen: Die linke Kultur Amerikas repräsentiert heute ein intellektuelles Vakuum. Die Religion hat genügend Kraft, und schickt sich gerade an, dieses Vakuum zu füllen. Das müssen wir unbedingt verhindern, wenn wir eine Chance haben wollen, das Vakuum selbst zu füllen. Wen kümmert die Weltwirtschaft? Wenn die Religion triumphiert, geht sie eh den Bach herunter.

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