Aufklärung jetzt

Das überzeugendste Merkmal des Buches (Steven Pinker: Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung)ist seine detaillierte Beschreibung der technologischen und sozialen Verbesserungen im Verlauf der letzten beiden Jahrhunderte, in denen sich „die Lebenserwartung weltweit von 30 auf 71 Jahre erhöht hat und in den glücklicheren Ländern auf 81.“ Beinahe überall arbeiten die Menschen weniger und erfreuen sich mehr am Leben als die reichsten Menschen noch vor einigen Generationen. Pinker geht nicht davon aus, dass der Fortschritt unvermeidlich ist. Kulturelle Katastrophen wie das finstere Mittelalter beweisen, dass die Faktoren, die wesentlich sind für den Fortschritt, zerstört werden können.
Die philosophischen Passagen von Pinkers Buch sind schwächer. Als Anhänger des Wohlfahrtsstaates ignoriert er die Fakten, die zeigen,  dass der Laissez-Faire-Kapitalismus die Menschheit reicher und glücklicher machen würde, und seine ethischen Ansichten sind eingefärbt vom Altruismus, der eben von jenen Religionen stammt, die er anprangert. Aber seine Verteidigung der Vernunft gegen die Reaktionäre und Romantiker, die das Erbe der Aufklärung verhöhnen – seien es Konservative oder linke Öko-Schwarzmaler- ist stark.

Timothy Sandefur: Enlightenment Now: The Case for Reason, Science, Humanism, and Progress

Eine Fundamentalistin der Aufklärung

Erstaunlich, dass im Westen die Kennzeichnung „Fundamentalistin der Aufklärung“ als Vorwurf verwendet wird, in diesem Fall gegen Ayaan Hirsi Ali (Der Standard):

Sie zählt zu den wenigen Dissidentinnen, die nicht nur den Islamismus brandmarken, sondern auch den Islam kritisieren. Für sie ist „der Islam mit der liberalen Gesellschaft, wie sie sich im Gefolge der Aufklärung herausgebildet hat, nicht vereinbar“.

Für einen neuen Humanismus

Frank Furedi (English: „Putting the human back into humanism„) verteidigt in NOVO 86 einen neuen Humanismus:

Der Bau von Wasserkraftwerken gilt heute als Akt wahrhaft prometheischer Hybris. Menschen, die neue Lösungen suchen und zum Beispiel im Bereich der Medizintechnik zu diesem Zweck Experimente vornehmen, werden bezichtigt, Gott spielen zu wollen. Die Desavouierung des Fortschritts enthält eine klare Botschaft: Wir sollen uns nicht anmaßen, ambitionierte Erwartungen an uns selbst zu hegen oder gar Geschichte machen zu wollen.

Die Entfremdung von der Idee des Fortschritts ist einer der bedauerlichsten Aspekte des Niedergangs der Ideale der Aufklärung.

Humans’ attempts to control our destinies are dismissed as exercises in Promethean arrogance. Those who search for new solutions and engage in experimentation are castigated for Playing God. Others seek to restrain scientific investigation in case it opens up a Pandora’s Box. Implicitly, the condemnation of the idea of progress contains a warning against any aspiration for making or changing history. In a roundabout way, we are being told to accept our Fate.

This reaction against the idea of progress is one of the most unfortunate consequences of the declining influence of Enlightenment thinking.

Die Quacksalberei der Öko-Ökonomie

Gerade ist das Heft 83 der Zeitschrift NOVO teilweise für das Internet freigeschaltet worden. Erfreulicherweise gehört dazu auch der Aufsatz Die Quacksalberei der Öko-Ökonomie (English: The dismal quackery of eco-economics) von Daniel Ben-Ami, der herausarbeitet, dass der Ökologismus ein Angriff auf die zentralen Prämissen der Aufklärung ist:

Ökologistische Ideen sind ein direkter Angriff auf die Weltsicht der Aufklärung, die Wissenschaft und Vernunft als unverzichtbar im Streben nach menschlichem Fortschritt ansah.
Die Aufklärung hatte von Anfang an ihre Feinde. Malthus’ Werk An Essay on the Principle of Population wurde als Antwort auf William Godwin (1756–1836) verfasst. Godwin betrachtete in seinem 1739 verfassten Buch Enquiry Concerning Political Justice den menschlichen Verstand als eine zentrale Kraft im Streben nach Fortschritt. Umweltschützer wandten sich von Anfang an gegen zentrale Prinzipien der Aufklärung.
Eine unter Umweltschützern besonders verhasste Person ist Francis Bacon (1561–1626), der erste Verfechter der Auffassung, der Mensch solle die Natur kontrollieren. Für Vandana Shiva, eine Umweltaktivistin aus Indien, sind die Vorstellungen Bacons eng mit denen von „Vergewaltigern oder Folterern“ verwandt. Laut Shiva wandte Bacon „keine unabhängige, objektive, wissenschaftliche Methode“ an. Stattdessen stelle seine Meinung eine besondere Form männlicher Aggressivität und Dominanzstreben gegenüber Frauen und nichtwestlichen Kulturen dar.(8) Shiva ist keine extreme Randerscheinung innerhalb der Umweltbewegung. Sie erhielt 1993 den alternativen Nobelpreis, und zahlreiche ihrer Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden. Für Umweltschützer besteht kein Unterschied zwischen der Kontrolle über die Natur und der Zerstörung der Erde. Für die Anhänger der Aufklärung hingegen besteht zwischen beidem ein fundamentaler Unterschied. Die Kontrolle der Natur bedeutet, Krankheiten besiegen zu können, Naturkatastrophen abzuwenden und vor allem Not und Mangel zu überwinden. Die Eroberung der Natur trägt ganz wesentlich zur Entwicklung der Menschheit bei.