Nein, Virginia, es gibt keinen Weihnachtsmann!

Die WELT am Sonntag lohnt heute nicht den Kauf (ich hatte einen Gutschein!), weil sie ihre Seiten mit religiösen Texten vollkleistert. Besonders übel ist ein Text, den die Zeitung regelmäßig zu Weihnachten veröffentlicht: „Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann“. Dieser Text entstand im Jahr 1897, als die achtjährige Virginia O’Hanlon an die New Yorker Tageszeitung Sun (der englische Originaltext auf dem Blog von Diana Mertz Hsieh) schrieb und wissen wollte, ob es den Weihnachtsmann wirklich gebe. Es antwortete ihr der Kolumnist Francis P. Church (welch ein passender Nachname) mit einem Text, den die Zeitung bis zu ihrer Einstellung 1950 immer wieder abdruckte. Der Text besteht daraus, dass der Autor die menschliche Vernunft niedermacht (es nennt sie „Skeptizismus“) und an die Gefühle appelliert:

Aller Menschengeist ist klein, Virginia, ob er nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt. Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganz Wahrheit zu erfassen und zu begreifen. (…) Es gibt einen Schleier, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht einmal die größte Gewalt auf der Welt zerreißen kann. Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften.

Eltern, die ihren Kindern den Weihnachtsmann als reale Figur erklären, greifen zu einer Lüge, für die es keine Entschuldigung gibt. Kinder brauchen diese Figur nicht, um zu glücklichen Erwachsenen heranzuwachsen, sie brauchen Eltern, denen sie vertrauen können, um Vertrauen in die Welt und ihre eigene Kraft zu entwickeln, die aus der Anwendung ihres Verstandes besteht. Feiert Weihnachten, ohne Lüge und Mystik! Und wer wissen möchte, wie ein rationaler Kolumnist der Sun Virginia hätte antworten können, liest nach bei Greg Perkins.

Gottlos und vernunftlos

Dinesh D’Souza hat für den Christian Science Monitor einen Verteidigungsartikel für die Religion (oder Religionen?) verfaßt, wenn man es so nennen mag, denn eigentlich sagt er nur, dass die Religiösen weniger schlimm waren als die Atheisten: „Atheism, not religion, is the real force behind the mass murders of history.“ Was D’Souza bedauerlicherweise vegisst zu erwähnen, ist die Tatsache, dass die von ihm erwähnten mörderischen Atheisten (Hitler, Stalin, Mao) nicht nur gottlos waren, sondern auch „vernunftlos“, sie waren nicht nur A-theisten, sondern auch A-rationalisten. Es gibt aber eine Alternative zu beiden Irrationalismen und es ist eben diese Alternative, die Menschen von willkürlicher Gewalt entfernt. Sie existiert bei Dinesh D’Souza nicht. Auf dem Blog Illustrated Ideas gibt es einen Leserbrief unter dem Titel „Faith Kills“, der auch die „German cousins“ erwähnt, die aufgrund eines „eigenartigen heidnischen Glaubens an einen allmächtigen Führer“ Millionen Menschen ermordeten. Wie sehr Hitler an den Glauben glaubt, machen Äußerungen von ihm in „Mein Kampf“ deutlich: „Der Glaube ist schwerer zu erschüttern als das Wissen, Liebe unterliegt weniger dem Wechsel als Achtung, Haß ist dauerhafter als Abneigung, und die Triebkraft zu den gewaltigsten Umwälzungen auf dieser Erde lag zu allen Zeiten weniger in einer die Masse beherrschenden wissenschaftlichen Erkenntnis als in einem sie beseelenden Fanatismus und manchmal in einer sie vorwärtsjagenden Hysterie.“

Gefühlsreife?

Flaubert hat ins Schwarze getroffen, wenn er zum Verhältnis von Vernunft und Gefühl schreibt:

Unterschiedliche Gefühle resultieren nicht aus differenter genetischer Disposition öä, sondern aus unterschiedlicher Bewertung (Emotionen als Bewusstseinszustände mit körperlichen Begleiterscheinungen, basierend auf intellektuellen Ursachen). Den Sozialisten übermannt ein anderes Gefühl bei Sichtung eines Karl-Marx-Portraits als den Liberalen, weil er das durch die Person repräsentierte Werte- und Herrschaftssystem anders bewertet – und nicht weil das Portrait per se (ohne zwischen geschalteten intellektuellen Prozess) die Macht hätte, ein Gefühl zu erzeugen.

Bei jedem Widerspruch zwischen Gefühl und Vernunft gilt daher: überprüfe Deine Prämissen, die Dich fühlen lassen, wie Du fühlst. Verdamme Dich nicht Deiner Gefühle wegen- aber verdamme Dich Deiner Weigerung, fokussiert zu denken und der Entscheidung wegen, die vermeintlich einfachere, bequemere Alternative zu wählen: das Gefühl als höchstes Absolutum anzusehen und zu erwarten, dass die Realität sich Deiner Gefühlswelt anpasst. A ist A und bleibt A, so sehr wir uns auch wünschen, es möge sich in B verwandeln. Die Welt da draußen existiert unabhängig von unserer Welt da drinnen. Und so verbirgt sich hinter der einfacheren, bequemen Alternative in Wirklichkeit nichts anderes als der Königsweg in die Hölle („stairway to hell“).

 

Die Entdeckung der Vernunft

Diesen Spiegel sollte man sich nicht entgehen lassen: Die Titelgeschichte von dieser Woche berichtet über den Ursprung der abendländischen Kultur im alten Griechenland (und lässt den Leser über die Frage sinnieren, wo sich die Menschheit heute befinden würde, wäre sie nie vom Pfad der Vernunft abgekommen):

Warum waren ausgerechnet die Griechen so erfolgreich? (…) Im Orient wogte überall der süße Duft der Religion – Opium fürs Volk, in ekstatischen Kulten ausgelebt, das den Menschen inneren Halt gab und zu einer großen Gemeinschaft verschweißte. Über hundert Götzen beteten die Assyrer an. Ägypten galt in der Antike als das „frömmste“ aller Ländern. Ganz anders bei den Griechen. Sie strebten nicht nach Glauben, sondern nach Wissen. „Wenn die Pferde Götter hätten, sähen sie wie Pferde aus“, lästerte bereits um 520 v. Chr. der Denker Xenophanes, genannt der „Sturmvogel der griechischen Aufklärung“. (…) Die Griechen schoben die Nebelwolken des Sakralen weg. Sie hakten nach, hinterfragten, staunten über alles – und wagten sich so immer weiter hinaus aufs Meer der Erkenntnis. Dass der Westen heute Raketen bauen und Schwarze Löcher ergründen kann – die ersten Vorarbeiten dafür lieferte Thales. Bereits damals, vor über 2 500 Jahren, begannen Ost und West auseinander zu driften. Heute ist aus dem Spalt ein Abgrund geworden. Westlicher Wissensdurst contra östliche Glaubenskraft – diese Front ist immer noch aktuell.

Die romatische Auflehnung gegen die Moderne

In der heutigen WELT gibt es einen Vorabdruck aus einem Buch über die Romantik von Rüdiger Safranski, das im nächsten Jahr veröffentlicht werden soll. Die Romantik lehnte sich gegen die Vernunft und ihre Produkte auf und wollte die Welt wieder „ins Geheimnis“ hüllen. Äußerst missverständlich ist unter diesen Umständen die Forumulierung von Safranski, die Romantiker bekämpften eigentlich den „modernen Nihilismus“. So mögen sie es selbst gesehen haben, tatsächlich standen sie aber eigentlich auf der Seite des Nihilismus.

Die von ihrer Bewusstheit gelangweilten Romantiker beginnen sich nach Bewusstlosigkeit zu sehnen. „Es giebt nichts Höheres im Menschen“, heißt es in Tiecks „Lovell“, als den Zustand der Bewusstlosigkeit; dann ist er glücklich, dann kann er sagen, er sei zufrieden. Die Romantiker träumen vom einfachen Leben, das im gleichmäßigen Rhythmus schwingt. Was sonst als Monotonie erlebt wird, plötzlich erscheint es wie ein fernes Glück. Hölderlin: „Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt / Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd…/ Es leben die Sterblichen / Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh‘ und Ruh‘ / Ist alles freudig…“ Im Kontrast dazu empfindet der Dichter seine Unruhe und Erregungen als Mangel: „Warum schläft denn / Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?“

Die Wurzel des Übels

Nicholas Provenzo vom Blog Rule of Reason hat einen interessanten Text auf einer islamischen Website gefunden, den man allerdings ohne seine Herkunft zu kennen, gar nicht in einem derartigen Kontext vermuten würde. Der Autor des Textes philosophiert darüber, wie man den Sinn des Lebens erkennen könne, und kommt erwartungsgemäß zu der Auffassung, dass die menschliche Vernunft uns dabei nicht hilfreich sein kann. Um dies glaubhaft erscheinen zu lassen, wird die Vernunft kurzerhand mit Blindheit und Unsicherheit identifiziert – eine Ausbeutung des philosophischen Skeptizismus, um ihren Glauben zu rechtfertigen. Als Alternative zur „spekulativen“ Vernunft bringt der Autor die „Offenbarung“ ins Spiel, d. h. seine Attacke auf die Vernunft hat ihm Platz geschafft, um den Glauben zu rechtfertigen. Erinnert uns an Kant, nicht wahr?